Deutsch-Deutsches Zusammenwachsen braucht mehr gegenseitigen Respekt und Anerkennung von Lebensleistung

Veröffentlicht am 12.11.2019 in Ortsverein

Dr. Andrea Schröder-Ritzrau (SPD Walldorf), Gert Weisskirchen (ehem. MdB), Iris Gleicke (ehem. MdB), Dr. Anke Schroth (S

Walldorf. Anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren hatten die SPD-Ortsvereine Walldorf, Wiesloch, Baiertal und Schatthausen gemeinsam mit dem Verein “Gegen Vergessen - für Demokratie e.V.“ zu einem Gesprächsabend über 30 Jahre Deutsch-Deutsches kulturelles Zusammenwachsen eingeladen. Der 14- jährige Eric Haspel umrahmte den Abend in der Laurentiuskapelle musikalisch und spielte zum Auftakt „Oktober“ von Tschaikowsky. Der ehemaligen Bundestagsabgeordnete Prof. Gert Weisskirchen und die Walldorfer SPD-Vorsitzende Dr. Andrea Schröder-Ritzrau begrüßten für die einladenden Ortsvereine. Als Gastrednerin hatten sie Iris Gleicke eingeladen. Sie ist 1964 in Thüringen geboren war von 1990 bis 2017 SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis 197 in dem auch Walldorf-Werra, die Partnerstadt der Astorstadt liegt.

Sie hat Bauingenieurin in Gotha studiert und musste nach der Wende wie viele Ostdeutsche etliche Jahre, in ihrem Fall vier, auf die Berufsanerkennung warten. Das Berufsanerkennungsverfahren war ein Routineprozess, der bei vielen Ostdeutschen, auch bei ihr als Demütigung wahrgenommen worden sei, so Gleicke.

Gleicke zeichnete eine authentische und engagierte Beschreibung eines IST-Zustands der deutschen Wiedervereinigung, der ohne Verklärung, Sentimentalitäten und Vorwürfen auskommt, aber Dialog und Anerkennung fordert: „Wir Ostdeutschen haben die friedliche Revolution gemacht, die Mauer eingerissen und die Einheit ermöglicht. Für uns ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Wir haben uns neu erfunden, fast alles neu aufgebaut und die schlimme Massenarbeitslosigkeit durchgestanden. Ich fordere heute Respekt und Anerkennung der Lebensleistung der Menschen – auch der in der DDR erbrachten. Dazu gehört es auch den Vereinfachern, den Schönfärbern und den Schwarzmalern nicht die Deutungshoheit zu überlassen, sondern die Aufarbeitung der Prozesse, die wahrlich nicht rumpelfrei waren, anzugehen.“, so Gleicke, die auch Vorstandsmitglied im Verein “Gegen Vergessen - für Demokratie e.V.“ ist.

Sicher wäre vieles einfacher gewesen, so Gleicke, wenn es eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe mit einer DDR gegeben hätte, die sich als Demokratie zunächst hätte eigenständig entwickeln können. Hierfür war in der damaligen großpolitischen Lage kein Raum und dies bei der ostdeutschen Bevölkerung auch nicht gewollt. Sie fragte provokant: „Was ist bloß aus uns geworden? Vor 30 Jahren lagen wir uns in den Armen und konnten unser Glück nicht fassen und nur fünf Jahre später als „Der Spiegel“ 1995 mit ‚Milliardengrab Aufschwung Ost‘ aufmachte war die Stimmung gekippt und die Einheitsfreude dahin.“ Seitdem befänden sich die Ostdeutschen in einer Dauerschleife der Rechtfertigung, dass man doch mit dem vielen Westgeld auch Gutes bewirkt habe. Das sei anstrengend und ermüdend für beide Seiten, so Gleicke weiter, und jeder ziehe sich in das Kämmerlein seiner Wahrheiten zurück. Fehler im Einigungsprozess gehörten benannt: Lohndifferenzen, Abwanderung junger Menschen, rigorose Abwicklung und Privatisierung und vieles mehr.

In der intensiven Diskussion wurde insbesondere die Ungleichheit der Lebensbedingungen angesprochen. Auch hier müsse man differenzieren und nach vorne schauen. Für ein weiteres Zusammenwachsen müsse das Augenmerk sowohl auf die schwachen Bereiche im Osten aber auch im Westen der Republik gerichtet werden. Gleicke warb deutlich für einen differenzierten Blick. Warum habe man das Kinderbertreuungssystem in der DDR nach der Wende nur schlecht gemacht, statt anzuerkennen, dass Westdeutschland einen riesigen Nachholbedarf hatte? Kann man heute rückblickend nicht sogar postulieren, dass der Ausbau im Westen nur durch die Wiedervereinigung endlich Fahrt aufgenommen hat? Auch die Rolle der Treuhand wurde diskutiert. Obwohl man sie in der damaligen finanzpolitischen und großpolitischen Lage beurteilen muss, so Gert Weisskirchen in der Diskussion, waren sich Gleicke und er einig, dass Fehler passiert sind, die eine Aufarbeitung erfordern. Auf die Frage, wie sie mit dem wachsenden Rechtsruck im Osten umgehe, sagte Iris Gleicke, dass die AfD nicht nur ein Phänomen des Ostens sei, sondern in Baden-Württemberg bereits 2016 zweistellig in den Landtag gewählt worden ist. Im Osten würde die AfD die Unzufriedenheit auf ihre politischen Mühlen lenken und mit der Forderung nach „Vollendung der Einheit“ politisches Kapital schlagen. Politisch müssen alle demokratischen Kräfte hier gegenhalten und die Deutungshoheit nicht der AfD überlassen, so Gleicke weiter. Den offenen faschistischen und rechtsradikal motovierten Exzessen und Straftaten müsse man mit der vollen Konsequenz von Polizei und Rechtsstaates begegnen, forderte sie.

Gert Weisskirchen und Andrea Schröder-Ritzrau bedankten sich bei Iris Gleicke für diesen intensiven Austausch und sie warben gemeinsam dafür, über das Thema mit Nachbarn und Freunden in den Dialog zu gehen. Schröder-Ritzrau kündigte an zu der in Walldorf-Werra zuständigen örtlichen SPD Kontakt aufzunehmen, um den innerdeutschen Ost-West Dialog auch auf regionaler Ebene innerhalb der SPD bilateral zu leben. Eric Haspel rundete den Abend ab mit einem Stück von Chopin.

 

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