Lesung aus der Bibliothek verbrannter Bücher

Veröffentlicht am 31.07.2006 in Veranstaltungen

Bei drückender Hitze las unser Bundestagsabgeordnete Prof. Gert Weisskirchen in der Gemeindebibliothek Sandhausen aus Büchern, die während der Nazidiktatur verfehmt und ab dem 10. Mai 1933 in verschiedenen deutschen Städten verbrannt wurden.

Zunächst begrüßte aber Ortsvereinsvorsitzender Dr. Matthias Horn die überraschend vielen Zuhörerinnen und Zuhörer, darunter auch solche aus Walldorf. Er stellte zunächst fest, wie erfreulich es war, wie unverkrampft die Deutschen während des 4-wöchigen WM-Freudentaumels mit nationalen Symbolen umgingen. Endlich, möchte man sagen, verhalten sich die Deutschen wie andere Nationen auch. Aber wir wissen schon, warum wir so ein belastetes Verhältnis haben oder hatten. Es ist das braune Vermächtnis, das uns lange auf die Seele drückte und drückt. Jetzt scheint das überwunden zu sein.Dennoch hat diese Veranstaltung traurige Aktualität. Vor wenigen Wochen erst wurde in Pretzien in Sachsen-Anhalt öffentlich ein Buch, das Tagebuch der Anne Frank, und eine Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika verbrannt. Heinrich Heine schrieb 1821 schon: „Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Wie recht er damit hatte.

Weisskirchen erklärte, dass er den Tag der Veranstaltung mit Bedacht gewählt habe, denn am 18. Juli 1871 wurde Emil Julius Gumbel geboren. Der Name dürfte den wenigsten etwas sagen, aber Gumbels Bücher waren unter den ersten, die damals ins Feuer geworfen wurden. Gumbel war ab 1924 Privatdozent für mathematische Statistik an der Universität Heidelberg. Im ersten Weltkrieg kämpfte er noch für Deutschland. Der Krieg machte ihn zum Pazifisten und damit zum Feind der sehr nationalistisch denkenden Studentenschaft der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Er machte aus seiner Meinung keinen Hehl und vertrat sie klar und offen. So war es kein Wunder, dass am 17. Mai 1933 der Führer der Heidelberger Studentenschaft Gumbels Bücher öffentlich ins Feuer warf.

Nach dieser Erklärung zitierte Weisskirchen zunächst aus einem anderen verbrannten Buch. Er las Bertholt Brechts Gedicht „Bücherverbrennung“, um dann den Bogen wieder zurück zu Gumbel zu spannen. Dieser wie auch der Literat Ernst Bloch nahmen zu jener Zeit an einem liberalen Kreis teil, dessen Gastgeber der bekannte Ökonom und Soziologe Max Weber war. Als die Braunen die Macht in Deutschland übernahmen, ging Bloch in die Schweiz und kehrte erst nach der Befreiung aus dem Exil nach Deutschland zurück. Zunächst nach Leipzig, bis er feststellte, dass die in der DDR praktizierte Demokratie nicht so ist, wie er sich Demokratie vorstellte. Bloch ging daraufhin nach Tübingen. Weisskirchen zitierte aus Blochs Buch „Vom Geist der Utopie“. Zurück zu Gumbel: Die Lage Gumbels in Deutschland wurde immer schwieriger. Die Rechten auf der Straße machten Stimmung gegen ihn und auch die Universitätsleitung wollte ihn loswerden. Sozialdemokraten versuchten sich schützend vor ihn zu stellen. Leider vergeblich. Gumbel wurde 1932 entlassen. Nun zitierte Weisskirchen Gumbel selbst: „Die Republik und ihre Feinde“. Gumbel ging ins Exil, nachdem alle Parteien des Reichstags außer den Sozialdemokraten, dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatten. Zunächst nach Frankreich und 1940, als es auch dort nicht mehr sicher für ihn war, in die Vereinigten Staaten.

Als nächstes zitierte Weisskirchen aus Gumbels 1936 erschienen erschienener Schrift „Adolf Hitler“. Den Abschluss der Lesung aus der Bibliothek verbrannter Bücher bildete Brechts „Kinderhymne“.

Gumbel hoffte immer, dass die Universität Heidelberg ihn wieder berufen oder sich zumindest entschuldigen würde. Nichts dergleichen geschah. Zweimal lehrte Gumbel noch als Gastprofessor in Deutschland. Nach Heidelberg kehrte er jedoch nie wieder zurück.

Thomas Schulze, Ortsverein Sandhausen